CUT&PASTE Digital Design Battle tourt um die Welt
Grafikdesigner aus aller Welt können ihre Skills beim Designwettbewerb CUT&PASTE unter Beweis stellen. Die Kandidaten erhalten vor dem Wettbewerb Themen. Ganz spontan müssen sie sich dann in Runden à 15 Minuten hierzu etwas einfallend lassen und die Ideen
am Bildschirm gestalten. Die Entwicklung der Entwürfe kann das
Publikum dabei live auf großen Leinwänden verfolgen.
Zum ersten Mal präsentiert und prämiert CUT&PASTE in den Live-Bühnenshows nicht nur heraus-ragendes 2D-, sondern auch 3D- und Motion Design. Die Städte-Gewinner treffen im Juni 2009 beim ersten CUT&PASTE Global Championship in New York aufeinander. Die Battles starten ab Februar in den USA, danach tourt das Event durch Europa und Asien. Der Wettbewerb in Berlin findet am 18. April 2009 im Tape Club statt.
Mehr Informationen www.cutandpaste.com
Montag, 16. Februar 2009
CUT&PASTE Digital Design Battle
Mittwoch, 26. November 2008
Streetartevent Film-Doku
Illustrative 08 Streeatartevent Zürich -
Der Film zur Aktion!
Endlich haben wir es geschafft die filmische Dokumentation des Streetartevents online zu stellen.
Nochmals ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten!
Enjoy!
Dienstag, 18. November 2008
Street Art Event - Illustrative 2008
Streeatartevent Illustrative 08 Zürich
Streetart hat sich als wahre Kunstbewegung etabliert. Junge und auch nicht so junge kreative Köpfe lassen sich nicht aufhalten. Ihr Medium ist die Strasse, die Stadt, der öffentliche Raum.
Streetart an sich benötigt keine institutionalisierten Ausstellungsräume; wir finden sie wenn wir mit offenen Augen unseren Alltag erleben und unsere Blicke schweifen lassen. Die Monochromie und Monotonie der städtischen Kulisse brandet um die grafisch gestalteten Inseln des individullen Ausdrucks. Zurück bleibt ein korrespondierendes Rauschen zwischen Legitimität und Aufstand. Gestaltung vs. ziviler Ungehorsam.
Der starke Einfluss der Grafik und der Illustration, den man in der Streetart findet und die Wirkung, die sie bei der Betrachtung entfaltet, waren die Anreize diese wichtige Strömung in die Illustrative 08 zu integrieren. Dies geschah einerseits mit Aktionen direkt im öffentlichen Raum, andererseits auf dem Kunstforum der Illustrative 08, bei dem der Besucher die Gelegenheit ergreifen konnte, den sonst in der Anonymität tätigen Künstlern, über die Schulter zu schauen.
Die Illustrative möchte sich nochmals bei allen teilnehmenden Künstlern herzlichst bedanken, die noch mehr als nur das nun hier sichtbare geschaffen haben.
Ein aufstrebendes Talent der Basler Streetart-Szene, jung und voller Enthusiasmus setzt er seine Bilder aus einzelnen gesprühten Pixeln zusammen. Bei ihm treffen De- und Rekonstruktion zusammen. Seine Bildmotive sind ikonisch stark reduziert und fordern den Betrachter auf das Bild in die eigene Realität hochzurechnen.
Die Schwarzmaler sind eine Crew aus Biel, deren einzelne Mitglieder aus der Graffiti-Szene stammen. In der letzten Zeit machten sie durch ihre Präsenz und ihren prägnanten Stil auf sich aufmerksam. Die Arbeiten der Schwarzmaler stechen durch ihre technische Qualität und die gelungenen konzeptuellen Verbindungen ihrer stilistischen Vielfalt hervor. Sie beteiligten sich mit ihren Arbeiten sowohl an dem im Vorfeld der Illustrative 08 stattfindenden Streetart-Projekt, wie auch an dem, in das Kunstforum integrierten, Projektraum.
www.chaoz.ch
Kesh und Walkone
Kesh ist meist im Doppelpack mit Walkone anzutreffen; beide nennen Neuchatel ihr Heimatrevier. Graffiti und seine Umgebung ist ihr Medium. Dies spiegelt sich in ihren Arbeiten wieder. Spiegel, Bindfäden, Stencils, Paste-ups bis hin zur Verwendung von Baumarktmaterial als Strukturschablonen, geben ihren Arbeiten einen extravaganten Touch gegenüber der klassischen „spray-can-only“ Graffitikunst. Ihre Arbeiten zur Illustrative konnten nicht nur während des Kunstforums live in ihrer Entstehung nachverfolgt werden, sondern finden sich nun auch im Stadtbild Zürichs wieder.
www.kesh.ch
www.walkone.ch
Manuel Pozo (Keep Real)
Grafiker, Fotograf und vielfältiges grafisches und kreatives Talent aus Morges, hat sich mit seinen Arbeiten am Projektraum der Illustrative beteiligt. Seine Stärke ist aus geringsten Mitteln einen hohen Grad an Wahrnehmung zu generieren. Visuelle Kommunikation in Strassenjargon!
www.poz.ch

Bustart
Etablierter Streetart-Artist aus Basel, aber europaweit aktiv. Sein Stil ist pure Streetart. Tags, Paste-ups und Sticker, am besten alles in einer Kombination. Auch seine Arbeiten verteilen sich ab jetzt in der Stadt Zürich.
www.flickr.com/photos/bustart
Sware, Apfel-Z
Ein junges Textil-Label, gegründet und geführt von der engagierten Designerin Sandra Hofacker. Sie arbeitete auf der Streetartaktion in einem sehr illustrativen Stil mit Acrylfarbe und Pinsel, Stickern und Paste-ups.
www.apfel-z.de
profile.myspace.com/apfel_z

KefliOne
Streetartartist, Grafiker, Fotograf aus Rennes (F) war auf der Illustrative zu Besuch um Zürich mit seinen Arbeiten zu bereichern. Zwei großflächige typografisch orientierte Bilder sind entstanden, mehrere Paste-ups und Sticker wurden an Wände angebracht. Sein Werk war auch während der Illustrative `08 im Projektraum zu sehen. Zudem unterstützte er die Dokumentation der in Zürich sattfindenden Streetart-aktionen.
www.keflione.com
www.divine-chatoyance.com
www.fotograflione.com

Serialcurver
Serialcurver aus Neuchatel arbeitet mit Schablonen, die Kreise mit speziellen Musterhaften Strukturen darstellen. Für die Illustrative hängte er drei seiner metallenen Kreise an die Außenseite der Messehalle 9, in Oerlikon.
www.flickr.com/photos/10511101@N08
CCC
Die Jungs von CCC sind die wohl aktivste Streetart- und Sticker-Crew der Schweiz. Von Lausanne aus verbreiten sie ihre Aufkleber in der ganzen Schweiz und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn man an der unerwartesten Stelle auf einen Aufkleber mit den drei Buchstaben trifft. Über ihre eigene Aktivität hinaus haben sie Kooperationen mit verschiedenen Schweizer Streetart-aktivisten am Laufen, die die Ausbreitung der selbstgefertigten Sticker zum Flächenbrand anschwellen lässt. Die Geschicklichkeit mit der die drei gleichen Buchstaben immer wieder zu neuen Motiven komponiert und in populäre Motive eingearbeitet werden ist besonders unter Anbetracht der riesigen Motivvielfalt atemberaubend.
cindychloechrissy.free.fr
Silis
Ein weiterer Streetart-aktivist aus Basel. Hauptsächlich klebt er Sticker und Paste-ups. Für die Streetartaktion in Zürich entschied er sich jedoch für ein Graffiti in grellen Farben. Auf der Ausstellung integrierte er sich mit Stickern zwischen den regulär ausgestellten Werken der Illustrative `08.
www.flickr.com/photos/silis
Selina
Selina ist Grafikerin und Fotografin. Ihr charmantes Lächeln würde selbst jeden Polizisten von einer Strafverfolgung absehen lassen. Ihre Arbeiten sind meistens Paste-ups die sie aus selbstgeschossenen Fotos generiert.

SeiFrei
Seifrei ist der Stencilkünstler der Schweiz. Er kommt aus dem Baselland und nutzte die Gelegenheit der Illustrative 08 um seine Stencils nun endlich auch in Zürich zu zeigen.
www.flickr.com/photos/befreee

Zaira
Sie arbeitet mit allen möglichen Materialien und Hilfsmitteln, wie z.B. Stickern, Stencils, paste ups oder aber auch mit der Dose. Sie selbst kommt aus Stans NW und wohnt und arbeitet mit Bustart seit ca. 5 jahren in Basel unter dem Label des xstreets Kollektivs.
Syl
Grafikerin und Illustratorin aus Bern überzeugt mit ihren starken und illustrativen Motiven. Acrylfarben und handgemalte Sticker waren ihr Beitrag zu der Streetart-Aktion der Illustrative `08 in Zürich. Ansonsten illustriert sie Bücher und betreibt ihr eigenes Textillabel.
www.tapetentiere.de
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Dienstag, 23. September 2008
OBJECTS – Journal of Applied Arts

Ab dem 17. Oktober 2008 erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „OBJECTS - Journal for Applied Arts / Magazin für angewandte Künste".
Ziel der beiden Herausgeber, der Berliner Kuratoren Katja Kleiss und Pascal Johanssen, ist es, ein Magazin ins Leben zu rufen, das erstmalig die internationalen Trends des neuen Kunsthandwerks vorstellt und in Bildstrecken und Essays diskutiert.
Der Titel „OBJECTS - Journal of Applied Arts“ ist dabei programmatisch gemeint: OBJECTS interessiert sich für den einzelnen kunsthandwerklichen Gegenstand, das Objekt - und das innerhalb des gesamten Spektrums der angewandten Künste, sei es Illustration, Grafik, Textilkunst, Keramik und Glas oder Buchkunst.
OBJECTS erscheint vierteljährlich und zweisprachig (deutsch/ englisch). Jede Ausgabe bietet akademische Essays, unakademische Interventionen von Künstlern und mehrseitige Bilderstrecken.
Essay-Autoren der ersten Ausgabe sind die Kunstkritiker Collen Shindler-Lynch (Toronto), der Künstler Robert Revels (San Franciso), der Concept Artist Tobias Mannewitz (Amsterdam), Designer Scott Ballum (New York) oder Gregori Saveedra (Barcelona).
In jeder Ausgabe werden die spannendsten Trends aufs Neue zusammengestellt und von renommierten Grafikern und Illustratoren gestaltet. Die erste Ausgabe trägt die gestalterische Handschrift des bekannten Grafikers und Art Directors Roman Bittner.
Auch die Produktion des Magazins wird gemeinsam mit erstklassigen Partnern realisiert. OBJECTS wird gedruckt auf 150 g/qm und 350 g/qm EuroArt Plus Silk des renommierten Papierherstellerunternehmens m-real. Der Druck erfolgt bei der Besscom AG in Berlin.

Preis : 10 EUR
Objects. Journal of Applied Arts
Gormannstr. 23
10119 Berlin
Tel.: 0049 (0)30 48 49 19 29
www.illustrative.de
Freitag, 12. September 2008
Illustriere Deine Welt!
von Gregori Saavedra
Gregori Saavedra, Not For Sale
Nur eine Frage: Warum Illustration? Warum nicht Kunst? Wo ist der Unterschied? Am Anfang hieß Illustration, einen Text zu visualisieren. Aber jetzt…Illustration arbeitet mittlerweile allein. Na und? Versteht mich nicht falsch, ich bin eher Illustrator als Künstler. Künstler sind mir zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Ich lebe hier, wo das Leben ist, wo die Menschen sind, wo das Geld ist. Ich muss, da hilft nichts. Aber das gilt nur für mich. Ich fing an Illustrationen zu machen, weil ich mich ausdrücken musste. Das ist alles, nichts weiter. Seltsamerweise wurde daraus ein Beruf. Das war nie meine Absicht, aber ich fühle mich ehrlich wohl. Kunden rufen mich an weil sie meine Arbeiten in einer Zeitschrift oder Galerie gesehen haben. Meine kritischsten Arbeiten. Das ist ein riesiger Widerspruch. Sie wollen, dass ich für sie arbeite, obwohl sie wissen, dass ich gegen sie bin. Erstaunlich. Manchmal habe ich das Gefühl, sie wollen mich nur domestizieren. Noch eine Marionette.
Illustration ist eine Disziplin, in der jeder fit ist. Seht mich an. Vor vier Jahren habe ich mich dazu entschlossen, mich selbst zu beschreiben, meine eigene Website zu gestalten. Dann habe ich mich für die Collage entschieden. Ich bemerkte, dass ich zu 100% Collage war. Meine Komplexität, meine tausend Gesichter, meine Grenzenlosigkeit, alles wurde sichtbar.
Dann kam ich damit zu einem Ende. Aber ich wurde zu einer sprudelnden Quelle, einer Bildquelle. Ich konnte es nicht stoppen. Zu viele Ideen wollten raus. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Illustrator, ich fühle mich wie ein Kreativer. Das bin ich seit 15 Jahren. Einfach ein Creative Director. Daher suche ich immer nach neuen Ideen. Nicht nur nach Bildern. Das ist der Unterschied zwischen Illustratoren und Künstlern. Es ist keine Frage des Stils, der Ästhetik…die Frage ist: Idee oder keine Idee. Es gibt Millionen Illustratoren. Wie viele Ideen gibt es? Millionen? Ich glaube nicht. Ideen entspringen Gehirnen. Die Mehrzahl der Kunstwerke entspringt Händen. Denn wer denkt schon nach? Illustration bleibt Illustration und wird keine Kunst, solange niemand von Illustratoren erwartet zu denken. Man erwartet von ihnen angenehme Bilder, die perfekt zu den Ideen anderer passen.
Manchmal benutze ich Illustration als Waffe. Das ist meine Art, in Balance zu bleiben. Ich benutze sie zum Selbstschutz. Objektiv gesehen bin ich ein extremer Glückspilz, ich habe alles, was ich mir je erträumt habe. Nicht fair, oder? Ich mache nichts gegen Ungerechtigkeiten außer Illustrationen. Meine Illustrationen zeigen meine kritische Seite. Meinen kämpferischen Standpunkt. Jede Arbeit ein Schuss. Gegen das Ungeheuer: unseren stupiden Lifestyle.

Gregori Saavedra, Inspiration
Jeden Morgen kriege ich meine Inspirationspille. Woher? Aus der Zeitung. Seiten voll reinster Wirklichkeit, voll von Ideen, voll von Lügen. Aber es gibt auch ein Problem, denn unsere Welt wird von außergewöhnlichen Fotos überrannt. Wenn man neue, relevante Bilder machen will, kann man nicht das Gleiche wie die Zeitungen bringen. Man muss kraftvoller sein. Neu. Original. Überraschend.
Ja, ich bin ein großer Lügner. Als Kreativdirektor in der Werbung lüge ich, um Produkte zu verkaufen. Als Illustrationskünstler lüge ich, um die Wahrheit zu sagen. Ich vermische hunderte reale Bilder, um ein irreales zu schaffen. Aber irreal heißt nicht falsch. Zeitungen liefern die Wirklichkeit in Scheiben. Ich liefere eine vollständige Version, meine persönliche Version der Wirklichkeit, die die Medien für uns geschaffen haben. Wie jeder andere Illustrator bin ich ein Wirklichkeits-Designer. Frei? Natürlich nicht. Überall stößt man auf Beschränkungen. Geld ist eine Beschränkung. Politik ist eine Begrenzung. Das Geschlecht ist eine Begrenzung. Und - offensichtlich – ist Religion eine Begrenzung. Jedes Mal wenn ich einen Auftrag für eine Illustration erhalte, erhalte ich auch detaillierte Informationen über die Grenzen, die ich dabei auf keinen Fall übertreten darf. Traurig, aber wahr. Aus diesem Grund glaube ich, dass wir nur Techniker sind. Unsere Auftraggeber wissen genau, was sie von uns wollen und sie würden es selbst machen, wenn sie könnten. Sie wollen etwas ‚Großartiges’ von uns, aber ‚großartig’ bedeutet für jeden etwas anderes.
Ich persönlich fühle mich niemals frei, wenn ich kommerziell arbeite. Da geht es mir wohl genau wie jedem anderen Illustrator oder Künstler. Ich kann mir vorstellen, dass genau dasselbe Michelangelo passiert ist, als er die Sixtinische Kapelle ausgemalt hat, oder Velazquez, als er die königliche Familie von Spanien portraitiert hat. Vielleicht ist das die Lösung. Illustration, genau wie Malerei, ist dann Kunst, wenn sie nicht direkt kommerziell ist. Aber ehrlich gesagt ist jedes Kunstwerk ein kommerzielles Werk. Wenn ein Werk nicht für einen Kunden entsteht, entsteht es für unser Portfolio. Und das bedeutet: potenzielle Auftraggeber.
Portfolios sind perfekte Beschreibungen, nicht nur der Arbeit und des Stils eines Künstlers, sondern auch seiner Persönlichkeit. Es gibt Illustratoren, die lediglich vorgeben, sie würden ihre Fähigkeiten ausreizen. Aber es gibt auch andere, die ihre Persönlichkeit lieber glasklar herausstellen. Ich fühle mich mit den letzteren wohler. Nicht, weil ich mich nicht um Geld kümmere oder darum, ob ich das Projekt bekomme oder nicht. Ich mache lieber gleich klar, wer ich bin. Aus diesem Grund füge ich auch einige meiner kritischsten Arbeiten zu meinem Portfolio. Ich möchte, dass jeder mögliche Kunde weiß, wer ich bin, wie ich denke und wie ich Probleme angehe. Gefährlich? Vielleicht. Ich bin ein Lügner, aber nicht so ein Lügner. Darum verliere ich sicherlich viele Projekte. Aber ich bin auch nicht an allen Projekten interessiert. Geld ist wichtig, aber mein Ehrgeiz wird von innen heraus angetrieben.

Gregori Saavedra, The Cheater
Ich habe Illustration als Forschungsprojekt begonnen. 35 Jahre lang wusste ich nichts von mir. Ich war zu beschäftigt, zu faul. Dann habe ich entdeckt, dass ich Seiten habe, die mir noch völlig unbekannt waren. Darum geht es bei meinen Illustrationen: Landschaften meiner Ansichten. Alle Informationen, Erinnerungen, Erfahrungen, Beziehungen, alles um mich herum verwandelt sich in diese Landschaften. Manchmal spaziere ich durch sie hindurch wie ein Tourist. Und manchmal finde ich aus ihnen nicht mehr hinaus. In meiner Arbeit gibt es viele alltägliche Bestandteile: Bäume, Kabel, Hochspannungsmasten, Vögel…Aber ich besuche niemals einen Ort zweimal. Niemals. Ich hasse Kopien.
Während der 12 Jahre, die ich in Werbeagenturen gearbeitet habe, habe ich eine Menge Art Directors und Werbetexter kennengelernt, die systematisch aus Büchern, von Designs und aus Fachmagazinen kopiert haben. Sie haben damit kein Problem. Ich aber. Meiner Ansicht nach ist das weder fair noch ethisch zu verantworten. Ich kaufe tonnenweise Werbe- und Designfachbücher, aber nicht, um daraus zu kopieren, sondern um aus ihnen zu lernen – damit ich Wiederholungen vermeide. Das ist meine Philosophie. Darum mache ich niemals Zwillingswerke. Einige Male war ich bereits in Versuchung, aber… Wie jede Versuchung ist es eine Charakterfrage, die Idee zu vergessen und etwas 100prozentig Neues zu schaffen.
Manchmal passiert es allerdings, dass mich Kunden bitten, eine Arbeit zu machen, die ganz ähnlich einer derer sein soll, die sie aus meinem Portfolio oder aus einer Ausstellung kennen. Ich soll sie lediglich an ihre Idee oder Produkt anpassen. Offensichtlich mag ich diese Art zu arbeiten nicht, aber es besteht noch ein Unterschied zum Kopieren von jemand anderem. Einige Kreativabteilungen müssen wissen, welches Bild genau sie von mir kriegen werden. Kein Selbstbewusstsein, schätze ich. Leicht verdientes Geld auf jeden Fall. Aber meine Aufgabe sollte es immer sein, etwas Originelles zu schaffen, das es nie zuvor gegeben hat.
Dieses Magazin zum Beispiel. Ich bin sicher, eine Menge Designer und Kreativabteilungen werden es kaufen um interessante Leute kennen zu lernen. Leider werden auch einige dabei sein, die es kaufen um zu wissen, was sie tun sollen. So sollte es nicht sein. Es sollte genutzt werden um die Namen von Illustratoren zu finden, mit denen man ein Projekt durchführen könnte. Aber statt die Namen zu entnehmen, werden sie unsere Ideen nehmen. Eines Tages werden sie in Eile sein. Ihr Kunde wird sie nach einer Kampagne fragen, die an einem Tag fertig werden muss, und wir werden ihre Inspiration sein. Hirnarbeit ist dann nicht mehr erforderlich. Das ist der Grund, warum es – wie ich eingangs gesagt habe - so viele Handarbeiten gibt. Sie sind billiger und einfacher. Der kostspielige Teil unseres Geschäftes sind die Ideen.
Ich bin vom Ideenplaneten aus bei Illustrationen gelandet. Ich weiß, dass das nicht der gewöhnliche Weg ist, aber Illustration ist eine Art der Kommunikation. Wer nichts Interessantes zu sagen hat, hält besser den Mund. Es mag radikal klingen, aber Ruhe ist ein Schatz. Stell es dir als eine Art Sport vor, einen Gedankensport. Jeder kann ihn trainieren. Es ist gesund und profitabel. Es sei denn, man entscheidet sich, eine andere Art von Illustrator zu sein, ein Street Artist zum Beispiel.
Ich bewundere sie zutiefst. Meines Erachtens sind die besten illustrativen Kunstwerke schon seit Jahren nicht mehr in Veröffentlichungen oder Galerien zu finden. Die interessantesten Ideen werden anonym auf die Wände unserer Städte gemalt. Blek Le Rat, WK Interact, Banksy, Dr. Hoffmann und so viele andere wurden für ihre Kunst bestraft. Wir sind so dumm. Würde Leonardo da Vinci noch leben, wäre er heute der wichtigste Künstler der Welt oder säße er wegen Vandalismus ein? Ist das unser Dank an Genies? Jeder Fall ihres Vandalismus war eine kostenlose Meisterklasse. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt.
Sie hatten keine Beschränkungen. Ihre Beschränkungen waren höchstens sie selbst. Das ist nur möglich, wenn man „dagegen“ arbeitet. So wird man zum modernen Robin Hood, die Illustration zu Pfeil und Bogen. Ihre Arbeiten waren mehr als Landschaften, sie waren Charakterportraits. Politische und soziale Prominenz waren die Stars und Street Artists ihre visuellen Synthesizer. Dafür habe ich sie geliebt. Die Fähigkeit so viel Information in einem einzigen Bild zu komprimieren. Wahrscheinlich sind sie deshalb so bekannte Künstler. Sie kannten die Regeln. Sie standen ihren Feinden gegenüber und haben sie mit ihren Waffen geschlagen. Sie sind die Infanterie. Direkte Konfrontation. Nahkampf. Aber es gibt noch eine andere Art zu kämpfen. Wie Spione. Geheim. Getarnt. Leise. Im Untergrund. Das ist eine andere Art der Kriegsführung, in der nichts ist wie es scheint. Hier fühle ich mich wirklich wohl. Ihr erinnert Euch: Ich bin ein großer Lügner.
Leichtsinn, wie gewonnen, so zerronnen. Je größer die Schwierigkeiten, desto höher der Preis. Für mich ist Schmerz der Weg zum Erfolg. Das habe ich schon als Kind gelernt. Ich hasse es, mehr als zwei Stunden am Schreibtisch zu sitzen und die ganze Zeit auf dasselbe Dokument zu starren. Die einzige Art, das zu erreichen, was ich mir vorgestellt habe: mich zwingen. Mit „Weniger ist mehr“ kann ich nichts anfangen, tut mir leid, Herr van der Rohe. In meiner Gegend gilt: mehr ist mehr und weniger ist weniger. Diese Philosophie passt perfekt zu den Fähigkeiten, die ein unsichtbarer Krieger beherrschen muss.
In meinen Arbeiten sieht es aus, als gäbe es eine Überdosis an Information. Aber das stimmt nicht. Es gibt immer nur eine gute Idee. Die anderen Bestandteile sind Verteidiger, Leibwächter. Ich baue sie zum Schutz ein, um die Aufmerksamkeit vom Eigentlichen abzulenken. Das ist eine Möglichkeit, die das richtige vom falschen Publikum zu trennen. Leuten, die meine Arbeiten nur als extrem detailreiche Bilder sehen, entgeht die eigentliche Botschaft.
Auf dem Gebiet der Illustration gibt es einen Exzess an Dekoration. Dem größten Teil der Werke geht es nur um Schönheit. Trendy Fast-Food. Solche Illustrationen werden die Zeit nicht überdauern. Möglicherweise liegt hier ein weiterer Grund, warum Illustration nicht richtig ernst genommen wird. Ich bin kein Experte, das ist wahr. Aber es ist nicht nötig, Kunstgeschichte zu studieren, um das zu bemerken. Schlechte Illustration gibt es überall. Wenn man aber gute finden will, muss man danach suchen.
Jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, fordert Illustration Respekt. Ist das tatsächlich nötig? Respekt kommt mit guter Arbeit. Wenn wir die Dinge ordentlich machen, wird uns die Anerkennung von selbst zufliegen. Wenn wir selbst unsere Arbeit mit Respekt angehen, werden alle anderen das auch tun. Diejenigen, die das bereits getan haben, sind jetzt in den Galerien und werden von den besten Verlagen weltweit herausgegeben. Wir sollten uns um unsere Arbeit kümmern, wie wir es noch nie zuvor getan haben. Bis jetzt waren die Könige der Illustratoren nur kommerzielle. Das ist nicht reell. Illustration ist, wie viele andere Gebiete auch, nicht nur eine Frage des Geldes. Manchmal hat man Berge von Talent, aber keinen Taler in der Tasche. Das sollten wir ändern. Illustration ist reine Kultur. Und Kultur, liebe Freunde, ist das Wertvollste, das wir auf Erden überhaupt schaffen können. Menschen kommen und gehen, werden geboren und sterben. Aber Kultur bleibt über Generationen.
In vielen Artikeln wird versichert, dass die Illustration den besten Moment ihrer Geschichte erlebt. Im Vergleich zur Isolation, die sie bisher erlitt, mag das stimmen. Aber ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube wir sehen hier den gleichen Vorgang, den die Fotografie vor 60 Jahren durchgemacht hat, als sie plötzlich Kunst wurde. Dann kam die digitale Revolution und die Regeln haben sich wieder geändert. 95% der Werbung ist visuell. Fotografie ist manchen Kreativen zu edel. Dann kommt die Illustration in ihrer Frische und ihren vielfältigen Stilen. Aber in zehn Jahren oder schon früher werden die Reserven aufgebraucht sein und dann… anpassen oder vergehen.
Aber ehrlich gesagt bin ich deswegen nicht besorgt. Ich sorge mich nur um wichtige Dinge. Ich liebe meine Sorgen. Durch sie merke ich, dass ich lebe, dass ich da bin. Meine Arbeit besteht im Sorgensammeln. Was sonst könnte ich illustrieren? Gibt es irgendetwas Wichtigeres? Unsere Sorgen pflanzen sich in unsere Köpfe bis wir sie hinauswerfen. Ich habe ein einfaches Verfahren dafür. Ich illustriere sie, wie Albträume. Jemand hat mir mal gesagt, man könne verhindern denselben Albtraum nocheinmal zu träumen, indem man davon erzählt. Sobald ich sie illustriere, verschwinden sie Stück für Stück.

Gregori Saavedra, One vs. All
Manchmal sind meine Sorgen wirklich dumm. Winzig. Rein persönlich. Auch aus denen mache ich Illustrationen. Aber normalerweise sind meine Sorgen von globaler Bedeutung. Wenn ich eines Tages sterben werde, wird es ein Tagebuch geben, weil ich jeden Teil meiner Existenz in Illustrationen reflektiere. Vielleicht illustriere ich Bilder aus der Zukunft oder der Vergangenheit, aber wenn man näher hinschaut zeigt sich, dass sie aus Elementen der Gegenwart bestehen. Das ist toll. Ich kann mir etwas vorstellen und erfinden, aber die Wirklichkeit setzt sich durch.
Was ich an Illustration wirklich liebe ist ihre unvoreingenommene Öffentlichkeit. Sie steht jedem weit offen, schient keine Komplexe zu kennen. Vielleicht hat sie auch nur nichts zu verlieren. Ich bin das perfekte Beispiel. Ich habe alle meine Ängste, Erinnerungen und Leidenschaften zusammengemischt und hier bin ich! Alle Elemente meiner Kindheit sind wieder aufgelebt: die Comics, die ich gelesen habe, die technischen Zeichnungen meines Vaters und die Retro-Ästhetik aus den Sommerferien in einem kleinen Dorf in der Mitte Spaniens. Alles ist hier. Und ich bin wirklich erstaunt, dass die Leute sie lieben.
Illustration ist mein Psychoanalytiker. Ich entdecke so vieles während ich an ihnen arbeite. Zum Beispiel habe ich dadurch bemerkt, dass ich die Neugier meiner Mutter und die Akribie meines Vaters geerbt habe. Ihr Herz, sein Verstand. Ich fühle mich frei, aber ich gebe mich meist gebunden. Alles in meinen Illustrationen sagt etwas über mich. Es ist wie ein Hinweis-Spiel. Manchmal ist es sogar ehrlicher als der Künstler selbst. Ich bin zum Beispiel nur 1,45m groß. Aber in meinen Kunstwerken spiele ich gern die Rolle eines Riesen. Es ist so offensichtlich. Ich könnte mich als der Zwerg veranschaulichen, der ich bin. Was für ein Unfug. Das wäre die reine Wirklichkeit. Fiktion als Symbol ist interessanter. Meint Ihr nicht auch?
Es gibt eine Menge Illustratoren wie mich, die nicht hundertprozentig auf Illustration spezialisiert sind. Illustration macht nur 25% meines Einkommens aus. Ich kenne andere Illustratoren mit einem ähnlichen Problem. Sie leben zwei Leben. Tagsüber arbeiten sie in einem Grafikdesign-Atelier oder in einer Werbeagentur. Aber nachts werden sie zu den großen Künstlern, die sie eigentlich sind. Es sieht aus wie das Leben von Superhelden. Illustration ist mehr als ihr Sicherheitsventil, es ist ihre geheime Superkraft. Alles, was sie in ihren nine-to-five-Jobs nicht sein können, übersetzen sie in ihre illustrative Arbeit.
Vor ein paar Jahren hätte es mich wirklich traurig gemacht, von solchen Fällen zu erfahren. Aber jetzt habe ich bemerkt, dass Illustration – vielleicht hierdurch – beliebter denn je ist. Wenn Designer oder Art Directors Illustratoren sind, ist es perfekt. Wenn ein Designer oder Art Director eine Illustration braucht, braucht er oder sie nur einen anderen Designer bei Tag oder einen Illustrator bei Nacht anrufen. Es funktioniert perfekt. Beide sprechen dieselbe Sprache. Beide kennen die gleiche Art von Problemen. Es ist echt einfach. Wahrscheinlich ist das ein weiterer Grund, warum die Illustration gerade so ein Hoch erlebt.
Ich erinnere mich noch genau an den Augenblick, als ich zum illustrieren aufgefordert wurde. Ich las ein Designmagazin. Zu Hause bei der Arbeit. Ich verstehe noch immer nicht genau, wie es passierte. Aber all die Designer, die sich zu Design, Motion Graphics und auch zu Illustration geäußert haben…sie haben etwas gemacht. Sie haben eine Tür geöffnet. Und haben gesagt: „Komm… Komm rein und viel Vergnügen.“ Diese Zeitschrift war nicht nur eine Zeitschrift. Sie war eine Einladung. Genau die Einladung, auf die ich gewartet hatte.
Ich würde mich freuen, wenn dieses Magazin, diese Seiten, diese Worte eine Einladung für dich wären. Nicht nur eine hübsche Zeitschrift. Das wäre großartig. Einfach wunderbar! Perfekt! Also sage ich dir: Komm her, gesell dich zu uns. Illustriere. Nimm Papier, Feder, Schere und Kleber, einen Mac…ganz egal. Was auch immer. Dann überlege. Was willst du sagen? Denk dran: „Du“. Nur „Du“. Verstanden? OK. Jetzt sei großartig! Sei neu! Sei einzig! Sei wahrhaftig! Sei dies! Sei das! Sei hier! Sei dort! Sei irgendwo! Sei irgendwer! Sei du!
Wenn Du Glück hast, großes Glück, wirst Du in fünf Jahren 2904 Wörter für eine internationale Illustrations-Zeitschrift wie diese schreiben.
Viel Glück!
www.gregorisaavedra.com
Donnerstag, 28. August 2008
Die Hand der Künstlerin
von Susan Leopold
Susan Leopold, Bird's Nest
Die folgende Fallstudie dreht sich um den künstlerischen Prozess während der Erstellung der Collage „Die Hand des Künstlers“. Entscheidend für das Verstehen dieses künstlerischen Prozesses als Mittel zur Verbindung von Bewusstem und Unbewusstem ist eine durchgängige Analyse der Schritte, in denen diese Collage entstand, wie auch ihrer Beziehung zu geisteswissenschaftlichen, psychoanalytischen und Erkenntnistheorien. Außerdem ist eine Diskussion des Verhältnisses von Unbewusstem zum Schöpfungsprozesse unerlässlich, will man die Beweggründe der Entscheidung, sich als Künstler oder Illustrator durch seine Arbeit auszudrücken zu wollen, verstehen.
Dabei muss man wissen, dass die Urheberin des besprochenen Kunstwerkes auf intuitive Weise in einem abstrakten (nicht gegenständlichen) Stil arbeitet, im Gegensatz zu einem realistischen (gegenständlichen) Stil, der sich vorwiegend mit der Darstellung einer wiedererkennbaren Person, Ortes oder Gegenstandes beschäftigt. Die realistische Arbeitsweise beinhaltet eine eher bewusste Art der Problemlösung und die Befolgung bestehender Regeln und Techniken. Im Gegensatz dazu „kann ein abstraktes Bild auf einem vorhandenen Gegenstand beruhen“ oder „etwas innerliches, unsichtbares wie Gefühlsregungen oder Eindrücke in eine sichtbare Gestalt bringen“ (Atkins R, S. 39). Die intuitive, expressive Arbeitsweise, welche der „Hand der Künstlerin“ zu Grunde liegt, erlaubt der Künstlerin den Kontakt zu den verborgenen Aspekten des Bewusstseins, die zuvor außerhalb der geistigen Wahrnehmung lagen.
In gewisser Weise kann ihr intuitives künstlerisches Vorgehen als Brücke oder Verbindung verschiedener Bewusstseinszustände gelten. Steve Winn schreibt im San Francisco Chronicle, dass „nur durch Beherrschung bestimmter Fähigkeiten und indem er seinen Weg durch eine sehr bewusste Folge von Entscheidungen findet, kann ein Künstler hoffen, die verborgenen Kammern menschlicher Erfahrung zu öffnen und dem Endergebnis Bedeutsamkeit zu geben. Durch diese feinfühlige Abstimmung von Handwerk und Inspiration, bewusste Entscheidungen und den Ruf des Unbewussten findet Kunst zu ihrer Gestalt und zu ihrer kommunikativen Wirkmacht.“ (S. Winn, 2007).
In der folgenden Abhandlung wird die Entstehung der „Hand der Künstlerin“ in fünf Schritten beschrieben. Jeder Schritt beinhaltet schöpferische Vorgänge, die das Bewusste mit dem Unbewussten verknüpfen und umgekehrt, um den Schaffensprozess zu befördern. Eine umfassende Auseinandersetzung der komplexen Begriffe „bewusst“ und „unbewusst“ liegt selbstverständlich außerhalb des Umfangs dieses Essays. Im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes „(…) können Vorgänge der Informationsverarbeitung im Gehirn auf zwei Klassen geteilt werden: Vorgänge, die dem Bewusstsein zugänglich sind und solche, die es nicht sind. Diejenigen Vorgänge, die uns nicht bewusst sind, nennt man unbewusst oder außerhalb dessen, wessen wir gewahr sind.“ (Gazzaniga, Heatherton, 2006, S. 142).
Im gegenwärtigen Zeitalter der Marken und des Marketing sind die Grenzen zwischen Bildender Kunst und Illustration eigentlich irrelevant. Durch die gesamte Kunstgeschichte hat der Markt immer eine Rolle in Leben und Werk der „freien“ Künstler gespielt. Zeitgenössische Künstler / Illustratoren sehen zunehmend die Notwendigkeit, ihre Werke mit Rücksicht auf sich wandelnde Märkte zu erstellen und zu legitimieren, während sie zusätzlich ein Bewusstsein für den Schutz ihres geistigen Eigentums sowie für Vertrags- und Urheberrecht entwickeln müssen. Der Einfachheit halber wird der Begriff fine art illustration für eine Art visueller Kunst verwendet, die üblicherweise die persönliche Vision des Künstlers oder des Kunden an ein End-Medium oder an einen Benutzer vermittelt – dies umfasst auch Galerien. Die Fallstudie „Hand der Künstlerin“ ist ein Beispiel für fine art illustration, die ein Konzept für ein Leser-(Benutzer-)orientiertes Medium vermittelt. Gleichzeitig drückt die Künstlerin sehr persönliche Aspekte in einem Original-Kunstwerk aus, das schließlich einem noch größeren Publikum zugänglich sein wird. Eine weitere Unterscheidung zwischen Bildender Kunst und Illustration ist die Bindung an den Abgabetermin und Zeitbeschränkungen. Dieses Argument ist zu diskutieren, sobald man gewahr wird, dass Galerien ihre Ausstellung vermarkten und bewerben müssen – mit erheblichen Kosten.
Die Phasen des Entstehungsprozess der Collage können aufgeteilt werden in das Sammeln von Bezügen, die das Thema „Hand“ umgeben, dem Skizzieren des Konzeptes, der leibhaftigen Herstellung aus Materialien, dem Verbinden/Kleben/Nähen und schließlich der Gestaltung der Oberfläche des Werkes. Für Auftragsarbeiten ist eine anfängliche Abstimmung mit dem Kunden erforderlich, wobei im Falle eines durch den Künstler initiierten Projektes das entsprechende Gespräch weit weniger konkret verläuft als im hier vorliegenden Fall. Innerhalb jeden Schrittes wird der Dialog zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten zum integralen Bestandteil des schöpferischen Prozesses. Dieser Prozess hat insofern Bezug zu Freuds Prozess einer freien Assoziation, als „die freie Assoziation eine vorübergehende Umgehung der Zensur-Mechanismen des Ich bewirkt“ (Burger, 2008, S. 56). Im Ergebnis hat der Künstler Zugriff auf das Unbewusste oder anders ausgedrückt: eine andere Ebene der Aufmerksamkeit.
Die erste Stufe des Sammelns von Bezügen besteht im Gespräch mit dem Auftraggeber oder Endkunden, um die einschlägigen Bedingungen bezüglich der Arbeit zu sammeln (Vertrag, Abgabetermin usw.) und das vorliegende Material wie etwa handgemachtes Papier, historische anatomische Bezüge, Puppen, Akupunkturmethoden, Gipsverbände und Hände aus Mullbinde, alte Briefe und Reste zu finden und endet im Atelier. All dieses Material muss einen Bezug zur Hand-Metapher haben. Diese Arbeitsphase beinhaltet bewusstes Beobachten des Materials und der Umgebung, um materielle Elemente auszuwählen, aus denen die Collage entstehen soll, während gleichzeitig die Hand-Metapher vom Geist des Künstlers aufgesogen werden muss, damit sich das Konzept entfalten kann. Diese künstlerischen Entscheidungen und Assoziationen werden intuitiv gefunden. Vielleicht entsteht dieser Prozess, indem verschiedene Bewusstseinszustände genutzt werden, etwas, das manchmal auch als altered state bezeichnet wird. „Diese Veränderten Zustände werden mit ungewöhnlichen subjektiven Erlebnissen“ und „erweiterten Bewusstseinszuständen assoziiert“ (Gazzaniga, Heatherton, 2006, S. 146). Viele solcher Entscheidungen werden blitzschnell getroffen und sind den Künstlern häufig nicht bewusst, da sie sich mehr von einem Bauchgefühl leiten lassen. Es gibt ein inneres Vertrauen in künstlerische Impulse und Inspiration. Diese Phase fordert insbesondere die visuellen und taktilen Wahrnehmungen des Künstlers während er die Materialien auswählt und handhabt. Man darf annehmen, dass die Handhabung von Materialien frühe Erinnerungen hervorruft, welche emotionale Zustände auslösen, die Teil des Zugriffsvorgangs auf jenes andere sind, das zuvor beschrieben wurde. Der Schaffensprozess ist die „Brücke“ und der inspirative Funke (die Energie?), die sich in beide Richtungen zwischen den Bewusstseinszuständen bewegt. Während die Materialien und die Umgebung den Künstler mit zuvor unbekannten Gedanken verbindet, Träumen und Ideen, die vorher außerhalb des bewussten Bewusstseins lagen, ermöglicht die Herstellung des Werkes als eigenständigen Gegenstand zuvor verborgene Dimensionen in das Bewusstsein zu bringen, die ihrerseits den weiteren künstlerischen Prozess inspirieren. In der besprochenen Collage müssen die gewählten Elemente Charakteristika der Hand-Metapher verkörpern und ferner die noch zu entdeckenden, dem Kunstwerk innewohnenden Themen. Dies ist ein intuitiver Prozess, der einerseits Freuds Methode der freien Assoziation beinhaltet und ferner auch einen Entwurf des Schemas, das aus der kognitiven Betrachtungsweise der Persönlichkeit kommt. Laut Burger ist „eine der Haupt-Funktionen des Schemas uns bei der Wahrnehmung von Bestandteilen unserer Umwelt zu helfen.“ (Burger, S. 434, Kapitel 15). Im vorliegenden Falle ist sich die Künstlerin der Tatsache bewusst, im Äußeren zu versuchen, Erinnerungen, Assoziationen, Träumen und Wünschen auszulösen, die außerhalb des Bewusstseins bleiben, aber Bedeutungsschichten zum Werk beitragen. Ziel ist ein Werk, das auf vielen Ebenen bedeutsam ist, manche mehr, andere weniger verschleiert.
Die Künstlerin dieser Analyse benutzte eine Hand als Ausgangspunkt ihrer Kunst, da dies eine einfache und offensichtliche Entscheidung zu sein schien. In diesem Sinne kann die Hand als Archetyp des gemeinsamen Unbewussten gesehen werden, ein Konzept, das Jungs Schule der Analytischen Psychologie zugeordnet werden kann. Es gibt noch eine weitere Bedeutungsschicht der Hand, die sich erst in der Fertigstellung der gesamten Arbeit zeigt. Künstler machen häufig die Erfahrung, eine Überraschung oder verborgene Bedeutung erst im fertigen Werk zu finden. Die Arbeitsphase des Suchens und Sammelns führt den Künstler häufig zur Erschaffung eines neuen Werkes und ähnelt dem psychoanalytischen Vorgehen, da “wenn der Klient wahrhaftig ausdrückt, was immer ihm zu Bewusstsein kommt, beide von dem was auftaucht überrascht sein können.“ (Burger, 2008, S. 57).
Die zweite Stufe ist diejenige des Zeichnens (Anfertigen einer Skizze), während man gleichzeitig das meistens unbewusste Material durchsickern und auftauchen lässt, um daraus weitere Bedeutungsschichten der Collage entstehen zu lassen. Das bewusst gewählte Idee, aus der die Collage entstanden ist, war das Portrait einer Hand (als Kokon), aus dem sich ein Schmetterling löst (der kreative Geist). Der physische Akt des Zeichnens führte zu psychischen Assoziationen von Mumienbinden, mit Feder geschriebener Korrespondenz und alten buddhistischen Drucken. Diese Assoziationen stammen von außerhalb des Bewusstseins ebenso wie ein großer Anteil der künstlerischen Entscheidungsfindung. Die unbewussten Assoziationen zwischen Material und Vorstellung werden in der Darstellung einer Metamorphose anschaulich, und die Entscheidung der Künstlerin, einen Abdruck eines alten Holzblocks mit Ideogrammen zu machen, bezieht sich auf antike buddhistische Texte, welche die typografische Ost-meets-West Komponente der Hand ergänzen.
Die Verwirklichung des Stückes beginnt mit der dritten Phase der materiellen Herstellung der Collage. Die Techniken dieses Beispieles sind das Formen und Skulptieren von handgemachtem Papier, Malerei, Enkaustik (Heißwachs) und Druck. Diese Tätigkeiten umfassen künstlerische/Illustrationstechniken und Fähigkeiten, die auf einer bewussten Ebene zr Fertiogstellung des Werkes verwendet werden. Diese Stufe ist eine Form der Kommunikation zwischen Künstler und Werk, die zur Auflösung des Werkes große Konzentration erfordert. Mihaly Csikszentmihali beschreibt diese außerordentlich lohnende Erfahrung als optimale Erfahrung oder flow (Burger, 2008, S.305). „Optimale Erfahrungen können intensiv genossen werden, aber sie sind normalerweise keine erholsamen, entspannenden Momente. Im Gegenteil. Meistens sind Flow-Erfahrungen ziemlich anstrengend.“ (Burger, 2008, S. 305)
Ein weiteres Element, das man als Teil des Schaffensprozesses erkennen muss, sind die festen Zeitvorgaben oder Abgabetermine. Denn die Arbeit dieser Künstlerin wird unter dem Zeitdruck eines Abgabetermins regelmäßig beflügelt. Zeitdruck und die Bedingungen des jeweiligen Auftrages führen zu eine schärferen Konzentration und Schaffenskraft sowohl für das Konzept als auch für das Ergebnis.
Die vierte und fünfte Phase kombinieren bewusste Elemente und solche außerhalb des Bewusstseins. Kleben, Sticken und andere Arten, die Teile (bekannt / alt) zum Endergebnis (unbekannt / neu) zusammen zu fügen, führen schließlich zur Entdeckung, dass individuelle und bekannte Elemente der Collage zu einer neuen Verbindung mit Bezug zu Aristoteles’ formaler Ursache (Teil – Ganzes) kombiniert werden. Vielleicht bezieht sich diese Transformation genauso auf kognitive Informationsverarbeitung in der eine neue Art, bestehende Dinge anzusehen, entsteht. Die abschließende fünfte Phase besteht in der Ausgestaltung und darin, bewusste Entscheidungen zu treffen, wo abschließend noch mal an Farbe und Textur angesetzt werden muss. Üblicherweise wird der Künstler das Werk dann „ruhen“ lassen oder auf andere Weise Abstand zu gewinnen, um zu einem Abschluss zu finden. An diesem Punkt kann das Überraschungsmoment des Werkes auftauchen. Im Falle der „Hand der Künstlerin“ wurde die Bedeutung des Stückes unmittelbar nach Fertigstellung deutlich. Die anfängliche Wahl der Hand-Metapher wurde getroffen, um einen Illustrationsauftrag eins Kunden zu erfüllen. Die Aufgabenstellung war, das Konzept künstlerischer Kreativität so einfach wie möglich einem Publikum aus angehenden Künstlern nahe zu bringen. Auf der offensichtlichsten Ebene löste die Künstlerin das Problem durch die Metapher der Hand, die einen Schmetterling entlässt, als Metapher der Kreativität des künstlerischen Schaffensprozesses. Die Überraschung oder verborgene Ebene deckte eher persönliche Emotionen und versteckte Gedanken auf, die nur für die Künstlerin bedeutsam sind. So gesehen kann das Vorgehen der Künstlerin sogar therapeutisch sein. Vielleicht bietet der Schaffensprozess auch eine Möglichkeit, persönliche Ängste zu überwinden oder Kindheitstraumata zu verarbeiten. Wie der Harvard-Psychologe Dr. Arthur J. Deikman sagt: „Wie das Kind sich vor der Dunkelheit fürchtet, die voller großer Hunde und geistiger, fantasiegeborener Monstren ist, wird das Kind auch als Erwachsener ängstlich sein, wenn er mit der dunklen Welt des unbekannten Bewusstseins konfrontiert wird, mit den unüberschaubaren Gedanken die gleich hinter dem Vorhof riesig erscheinen. Wenn es hinausspäht, sieht es keine Eltern in der Dunkelheit des Landes, in dem es noch nie gewesen ist. Das Unbekannte ist nicht unter Kontrolle, es gibt keine Strategien, dieses unbekannte Land zu erschließen. Nur der Glaube an uns selbst und an die Welt kann uns an den Wachhunden unserer Angst vorbei durch die Eisentore an der Grenze dessen führen, was wir bereits kennen.“ (zitiert nach Deikman, M.D., A.J. 2007). Der Künstler reflektiert diese versteckten Elemente. Indem er das fertige Kunstwerk ansieht, kann dadurch das Außerbewusste verstehen und Verbindungen knüpfen und damit geistige und körperliche Heilung befördern. In diesem Sinne ist die Kunst sowohl ein Auftragswerk für den Kunden als auch ein Hilfsmittel zur Lösung von Problemen des Künstlers oder eine „persönliche Illustration“, wie ist gewöhnlich genannt wird. Der Schaffensprozess selbst ist für den Künstler von höchster Bedeutung. Als Beleg für das hohe Ansehen, den Respekt für den persönlichen Prozess, welcher dem Kunstschaffen innewohnt, nutzt der Künstler vielerlei Maßnahmen wie Stick-Arbeiten auf der Rückseite des Werkes, unsichtbare Bilder, die zwischen den Schichten von Papier oder Textilien begraben sind, Archivalien, die das Weiterleben des Werkes über seine Druckverwertung und archivarische Erfassung hinaus sicher zu stellen. Während das Endergebnis normalerweise als Reproduktion verwendet werden wird, gehen viele der abschließenden Techniken über die Phase der Wiedergabe hinaus, in der das Original auch nach der „Kamera-Ready“-Phase seine eigene Integrität bewahrt. Das Original kann als Überbleibsel eines bestimmten Vorgangs beschrieben werden, der in Echtzeit abgelaufen ist. Als solches beginnt es mit seiner Bedeutung als psychologischer Spiegel ein Eigenleben nach seiner Fertigstellung und unverzüglich als Kunst für eine mediale Zweitverwertung.
Dieser Artikel hat ergründet, wie der künstlerische Prozess bei der Herstellung der „Hand der Künstlerin“ als Brücke zwischen dem Bewussten und Unbewussten fungiert und hat diesen Gedanken mit psychoanalytischen, geisteswissenschaftlichen und Erkenntnistheorien asugeführt. Der künstlerische Prozess kann auch als therapeutischer angesehen werden, indem er zur Verfügung stellt, was Abraham Maslow als peak experience, oder auch als „Besuch in einem persönlich definierten Himmel“ (Burger, 2008, S 304) bezeichnet hat. Vielleicht ist der Schaffensprozess auch ein Mittel, Ängste zu überwinden. Von der Arbeit als finde art illustrator zu leben bietet viele äußerst selbst-verwirklichende Aspekte. Maslow: „Zu seinem Lebenswerk zu kommen ist ein wenig so, wie seinen Partner zu finden.“ Und: „Wenn man unzufrieden mit seiner Arbeit ist, hat man einen der wichtigsten Wege zur Selbsterfüllung verloren.“ (Burger, 2008, S. 310). Viele schätzen sich glücklich, wenn sie für ihre Selbstverwirklichung bezahlt werden. Wie der Psychologe Carl Rodgers sagte. „Ob man es eine Wachstumstendenz, einen Antrieb zur Selbstverwirklichung oder ein nach vorn gerichtetes Bestreben nennt, es ist die Triebfeder des Lebens.“ (Burger, 2008, S. 292). Durch den Schaffensprozess wird eine Verbindung mit dem Selbst, ein Sinn für Erfüllung und Einheit mit etwas größerem als einem selbst erreicht. Dies ist die Größte Belohnung für den Künstler. Für diese Künstlerin sind dies die Gründe, ihre Arbeit fortzuführen, gemeinsam mit der Tatsache, dass es Frede macht, sich die Freiheit zu experimentieren, zu entdecken und zu spielen zu nehmen.
Anmerkungen
Maslow, A. H. (1968). The Farther Reaches of Human Nature. New York: Viking.
Gazzaniga, M. S., & Heatherton, T. F. (2006). Psychological Science (Second Edition ed.). New York: W.W.Norton & Company.
Burger, J. M. (2008). Personality (Seventh Edition ed.). California, U.S.A: Thomson Wadsworth.
Deikman, M. D. (2007). Personal Freedom: On Finding Your Way in the World. Retrieved July 20, 2008, from http://www.deikman.com/personal.html
Winn, S. (2007, May 29). What Happens to us When Art Connects Us to the Unconscious. The San Francisco Chronicle, p. 2.
Atkins, R. (1997). Art Speak (Second Edition ed.). New York: Abbeville Press Publishers.
Susan Leopold hat ihr Studium an der University of Michigan mit dem BFA in Fine Arts 1979 abgeschlossen, 1982 schloss sie als Master of Arts in Medizinischer Illustration ein Studium an der University of California ab, seit 2006 lehrt sie am Ontario College of Art and Design. Seit 1983 arbeitet sie als Vollzeit-Künstlerin.
Ihre Arbeiten wurden in den USA und in Kanada mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und wurden national und international publiziert, darunter das neue Buch „The Art of Feminine Drawing“, welches zeitgenössische Künstler aus der ganzen Welt vorstellt, und in vielen Ausgaben der Fibrearts Design Books.
Kürzlich wurde sie zur Teilnahme in der Ausstellung „Right Here in the USA“ im Eisner Museum in Milwaukee eingeladen.
Arbeiten von ihr erscheinen im Somerset Magazine und in der Winter-Ausgabe von „Cloth, Paper, Scissors“, einem Magazin für zeitgenössische Collage.
Gegenwärtig lehrt sie am Sheridan College sowie am am Ontario College of Art and Design, ist Gastdozentin an der McMaster University und dem New Brunswick College of Crft and Design.
www.susanleopold.com
Donnerstag, 21. August 2008
Dasselbe - nur anders
Ilustration als synoglyphische visuelle Kultur left:Sara Cerilli, sewing and paper, 2005
von Colleen Schindler-Lynch
right:Kim Hyun-Ji, Mixed media collage, 2008
Von Anfang an
Die visuelle Kultur erlebt derzeit einen Wandel der Wahrnehmung traditioneller Normen. Es besteht eine ziemlich große Grauzone zwischen der Kunstwelt und der Welt der Illustration. In der Geschichte visueller Kommunikation hat die Illustration oft mit der anderen Seite künstlerischen Ausdrucks geflirtet und dabei die Grenzen etablierter Kategorien der Bildproduktion überschritten und Unterschiede verwischt, was eine Zeit lang für beide Seiten fruchtbar war, aber Kritiker, Gelehrte und auch das Publikum irritiert hat.
Aquarelle wurden einst als niedere Kunst gesehen. Drucke und Fotografie mussten in ihrer Frühzeit denselben Kampf gegen historische Vorbilder und Vorurteile ausfechten. Ebenso die Illustration. Sie wurde lange Zeit über die Allegorie und über ihre unterstützende Rolle im Verlagswesen definiert, wo sie Bilder zur Begleitung von Texten bereitgestellt hatte. Unterhaltsame Bilder sollen die Aufmerksamkeit der Leser gewinnen. Dies ist tatsächlich eine frühe Form des Info-Snacking – Bilder werden schneller sehen als ein Text gelesen. Seit ihren bescheidenen Anfängen wurden Illustrationen angefertigt, um zusammen mit Werbeanzeigen gedruckt zu werden und Produkte oder Geschehnisse für ein nicht lesendes Publikum visuell zu beschreiben. Ladenbesitzer und Journalisten erkannten bald, dass sie mit Hilfe von Bildern mehr Produkte und Zeitungen verkaufen konnten. Von hier an wurde die Illustration zu einem gehorsamen Genre degradiert, das keine neuen Gebiete erschließen konnte. Der Text blieb die treibende Kraft mit der Illustration als seinem Beifahrer.
Heute stehen Illustrationen zunehmend allein, von den Ketten einer kommerziellen Einbindung befreit. Immer wieder beweisen Illustratoren, dass Inhalt der bessere Maßstab ist, und dass unter dieser Bezeichnung weit mehr zusammengefasst ist, als die enge Definition zulässt. Vielleicht ist eine neue, erweiterte und offenere Definition erforderlich.
Illustratoren arbeiten in traditionellen Medien, die für gewöhnlich in den Bereich der Bildenden Kunst fallen, etwa Bleistift, Farbe und Multimedia. Sie liefern nicht nur kundenorientierte Arbeit ab, sondern entwickeln Bilder von theoretisch durchdachter Thematik. Weit entfernt von ihren Ursprüngen in der Abbildung altbackener Szenen für die Werbung, finden wir in dem Genre mittlerweile visuell anspruchsvolle, moralisch hinterfragende und engagierte Bilder. Wie die Bildende Kunst kann Illustration reich an Themen und meisterhaft in deren Umsetzung sein, obwohl sie von Natur aus kommerziell ist. Hier ist der Scheideweg, an dem sich die Illustration üblicherweise vom Anspruch der Bildenden Kunst trennt. Oder es ist der Punkt, an dem wir die Grauzone betreten in der Illustration und Bildende Kunst Autoscooter fahren, manchmal gegeneinander stoßen und manchmal mit dem Strom schwimmen.
Die jüngste Renaissance der Illustration seit den 1980er Jahren hat viel der Modeindustrie zu verdanken. Die Zusammenarbeit des Modehauses Barney’s mit Jean Philippe Delhomme für eine Werbung hat die Illustration wieder als ein lebendiges, wichtiges und nützliches Genre ins Bewusstsein gerückt. Die spielerische Illustration der „I Am“-Campagne waren die perfekte Antwort auf eine aalglatte, technikbegeisterte und übermächtige Fotografie.
Die Entwicklung der Illustration in erweiterten Kontexten – neue Medien, alte Medien, herkömmlich oder innovativ – wird von Künstlern/Illustratoren weiter und bis zum Ende durchgefochten.
Erweiterte Vorstellungen
Heute präsentieren uns Ausstellungen, Festivals und andere Ereignisse jene Art von Arbeiten, die Illustration genannt werden, innerhalb des Kunstbetriebes. Die Illustative 07 in Berlin und ihre Schwesterausstellung in Paris haben illustrative Arbeiten in einer Kunstumgebung präsentiert, ähnlich war auch Designersblock: Illustrative 2007. Sie haben sowohl herkömmliche wie experimentelle Formen der Illustration als interaktives und Performance-Event präsentiert und damit unsere visuelle Kultur bereichert. Vom kommerziellen Inhalt befreit hat sich die Arbeit der Illustratoren verändert und ihre enge Definition gewandelt. Die Gründe ihrer Zwiespältigkeit werden von ihr dabei verschleiert, vermischt und sogar mit einbezogen, während sich gleichzeitig ihre künstlerischen Disziplinen trennen. Diese Veranstaltungen haben alle gleichermaßen visuelles Material in einem Zusammenhang und mit einem Vokabular präsentiert, das man normalerweise dem höher angesehenen Gegenstück der Illustration zuordnen würde.
Die Anbieter dieser visuellen Sprache denken dabei noch an getrennte Disziplinen, indem sie sich eher als Illustratoren denn als Künstler bezeichnen, während sie sowohl mit künstlerischen Zielsetzungen wie auch kommerziellen Absichten arbeiten. Die Institutionen, die mit den Bezeichnungen der Illustration und der Bildenden Kunst arbeiten, müssen hinterfragt werden.
Innerhalb dieser Annäherung aus Verschiedenen Richtungen finden sich viele Illustratoren und Werke, welche den Graben zwischen den Disziplinen überwinden. Wir erleben eine Wiederauferstehung des Pluralismus der 1970er Jahre. Weltweit werden feste Werte und bewährte Institutionen in Frage gestellt. In Nordamerika sitzen Führungskräfte von Industriegiganten wie Enron oder Nortel wegen ihres skrupellosen Geschäftsgebarens im Gefängnis, während ihre Übernahme ausländischer Märkte und eine fragwürdige Taktik der Vorstände unser Moralempfinden in Frage stellen. Ereignisse wie diese brechen einseitige Ansichten auf und tragen zur Verbreitung pluralistischer Meinungen bei. Dieser Paradigmenwechsel betrifft auch die Wahrnehmung der Illustration. Daher wäre die Untersuchung des auch in der Welt des Visuellen pluralistischen Klimas ein logischer erster Schritt zur Entwicklung neuer Definitionen
Dabei wandelt sich auch die Wahrnehmung dessen, was Kunst ausmacht. Ein Teil der Illustratoren betreibt durch Verwendung von Medien, die zumeist einer Do-It-Yourself-Ästhetik zugesprochen werden, eine Wiederbelebung der Angewandten Künste – sicher eine humanistische Reaktion auf unsere technikabhängige und mechanisierte Welt. Daß die meisten versuchen, ihren ökologischen Fußabdruck in Grenzen zu halten, rückt unsere Existenz auf dem Planeten offenbar weltweit ins Bewusstsein. Ein Bewusstsein des Einzelnen - nicht Teil einer Gemeinschaft (seine Gesellschaft, Stadt, Land, Kontinent)- das die Aufmerksamkeit auf unseren schrumpfenden Planet lenkt, ein Planet, der schwindende Ressourcen und die Vorherrschaft der Technologie als Ersatz für menschliche Kontakte erlebt.
Der Janus-Effekt
Mit einem Auge in die Zukunft, mit dem anderen auf die Vergangenheit blickend erschließen sich Illustratoren der Neo-Craft-Richtung neue - oder sollte ich sagen: alte – Gebiete. Darin folgen sie einer langen Tradition: William Morris’ Vision der Arts-and-Crafts-Bewegung war eine Antwort auf die Entmenschlichung durch die Industrielle Revolution und ist natürlich ausführlich dokumentiert. Die Bewegung der Dekorativen Künste und des Feminismus der 1970er Jahre hat Künstler wie Judy Chicago und Faith Ringgold hervorgebracht, deren Arbeitsweise Medien einbezogen hat, die als typisch für die Handarbeiten von Frauen angesehen wurden. Steppen und Sticken besitzen taktile Qualitäten und sprechen den menschlichen Werdegang an, eine Verbindung des Werkes mit den Händen, die es geschaffen haben. Ähnliche Medien werden jetzt durch die Neo-Craft-Bewegung wieder aufgenommen. Sie geben damit einen Beleg der Rolle der Hand als Reaktion auf die Entmenschlichung unserer technologie-orientierten Zeit. Die Materialität solcher Medien reizt mit ihrer Wertschätzung kleiner Fehler und Mängel, die unsere Menschlichkeit und Unzulänglichkeiten ansprechen, nicht nur die Hände der Künstler, sondern auch den Blick der Betrachter.
Künstler / Illustratoren aus der ganzen Welt nutzen Stepparbeiten, maschinengewirkte Stickerei, textile und Fotocollagen , darunter Sandrine Pelletier, Claire Ann Baker, Laura McCafferty, Eleanore Bowley, Borja Uriarte und Jenny Hart. Sandrine Pelletiers Arbeiten weisen einerseits eine moderne Perspektive auf und vermitteln andererseits das Gefühl eines antiken Erbstücks – Brokat und Spitzen verbunden mit einem kontrollierten Chaos aus Verdrehungen, Knoten und einem Fadengewirr. Anhand von Arbeiten wie „Experimental Faces“ könnte Eleanor Bowleys Technik leicht mit digital gezogenen Linien mit aufgespachtelten Farben verwechselt werden. Ein näherer Blick zeigt aber Textilien und Stickereien. Die Arbeiten sowohl von Eleanor Bowling wie auch von Claire Ann Baker sind von collagenartiger Natur, indem sie in ihren Werken vorgefundene Objekte, Fotos und neu verwendete Teile von Kleidung verbindet. Jenny Harts Stickereien nehmen Bezug auf kitschige Souvenirs, die sie beispielsweise an den Niagarafällen und in Nashville gefunden hat – gestickte Bilder mit einer nostalgischen Note. Sie alle haben sich altmodischer Techniken angenommen, die sie durch zeitgenössische Umgebung wieder in Mode gebracht haben.
Die große Bandbreite von Stilen und Techniken, die die Illustration des Neo-Craft ausmachen, ist durch die Gemeinsamkeit verbunden, einfache Materialien zu entdecken und mit ihnen packende Bilder zu erschaffen. Peter Callesen, Robert Ryan, Robert Sabauda, Sherril Gross und Pierre Louis Mascia zerschneiden Papier und arbeiten es zu etwas jenseits seiner ursprünglichen Funktion um. Pieter Callesen erschafft stille, kontemplative, exquisite Stücke aus einfachem DIN-A4 Kopierpapier. Blumen verwelken und verknittern, Gebäude stehen robust und geordnet – nicht länger Teil einer zweidimensionalen Welt erlangen sie eine physische Präsenz im Raum. Robert Sabauda konstruiert mit seinen Bildern in der Tradition von Aufklapp-Büchern fantastische Arbeiten für Kinderbücher. Pierre Louis Mascias Figuren können als der ultimative Chic Fem bezeichnet werden. Mit Falten, Zuschneiden und wieder Zusammensetzten einer Vielfalt von Papieren, darunter gewöhnliche Papierdeckchen und Bänder, in Verbindung mit seiner Verwendung des Scherenschnitts erstellt er Vogue Figures für die Modeindustrie. Die Schnittlinien seiner Illustrationen sind in jedem Detail so sensibel und interessant als lägen sie in Bleistift oder Conté-Stift vor. Die Material-Manipulation dieser Papierverfechter ist anspruchsvoll, direkt, poetisch und skurril. Durch ihre Einfachheit sind ihre Werke fesselnd, trotz ihres Mangels an technologischer Verankerung.
Anti-Body-Ästhetik
Scheinbar mit Neo-Craft zerstritten zu sein ist der Treibstoff der Nouveau Surralists und Neo-Konstruktivisten. Ihre Annäherung an die Themen erfolgt über Loslösung, Dekonstruktion und Verschwinden lassen der menschlichen Form. Mit der weltweiten Bevölkerungsexplosion wächst ein wahrnehmbares Desinteresse an körperlicher Persönlichkeit. Wir sind definiert durch und reduziert auf einen Datensatz, der unsere Existenz auf dem Planeten ausmacht – Bankkonten, Passwörter usw. Die Vorherrschaft digitaler Technologie auf allen Feldern schafft die Tatsache, dass der Schwerpunkt nicht auf dem Individuum liegt. Dekonstruktion, eine in den 1980er und ´90er-Jahren beliebte Theorie, hatte weltweit Auswirkungen auf alle Aspekte von Kunst und Design – Mode, Grafikdesign, Architektur, Literatur und Bildende Kunst. Gegenwärtig wird sie wiederbelebt und ist im Mainstream zu einem eigenen Stil geworden.
Zeitgenössische Designer und Illustratoren machen sich dessen Theorie, Strukturen und Details für ihre Visuelle Kommunikation nutzbar, indem sie die wissenschaftlichen Methoden wieder aufnehmen. Diese Art figurativer Darstellung innerhalb der Illustration kennzeichnet sich gerade durch einen Mangel an figurativen Elementen – realistische oder glaubwürdige Darstellungen des Körpers. Durch Reduktion wird der optische Eindruck bis zur Anonymität bearbeitet. Indem sie nicht konkret dargestellt wird, wird die Bedeutung einer wieder erkennbaren Persönlichkeit gerade hervorgehoben. Ein solcher Gebrauch und solche Wahrnehmung von Persönlichkeit wurzelt nicht in Desinteresse; vielmehr feiern diese Bilder den Körper indem sie ihn auflösen und dekonstruieren. Durch Zurücknahme der herkömmlichen Darstellungsweisen einer Person – mit Verzerrung, Dekonstruktion und Neukomposition seiner Bestandteile – unterstreicht dieser Zweig der Illustration einen Gebrauch von Ungleichheit in der Balance einer Illustration, insbesondere im Verhältnis von Kleidung und Person und von Person zur Umwelt.
Das historische Fundament solcher „Anti-Body-Illustartoren“ ähnelt den Theorien der Surrealisten und der Russischer Konstruktivisten.
„…Surrealismus würde das Unbewusste befreien, es wieder mit dem Bewussten zusammenführen und die Menschheit von den Fesseln der Logik und der Vernunft befreien…“1
Am Ende betreten wir hier Felder, die durch die Kunstgeschichte bereits vorbereitet wurden. Die zertrümmerten Regeln klassischen Zeichnens in diesem Bereich der Illustration erzwingen geradezu eine gesteigerte Aufmerksamkeit für all das, was mir der Komposition oder dem Bildgegenstand nicht stimmt. Sie treiben und drängen das Logische und Rationale. Man ist gezwungen, die Geschichte seiner visuellen Erfahrungen zu durchsuchen und die fehlenden Informationen aufzufüllen und so das Ganze erst herzustellen. Die Surrealisten verkörpern alles Unlogische. Maren Esdars quasi-viktorianische Figuren bewahren ihre Schönheit trotz ihrer verdrehten, traumartigen Erscheinung. Marie Gibsons Giraffe Woman von 2005 nimmt Dalis Elephanten aus dem Jahre 1948 wieder auf. Hier lang gestreckte Beine und eine Körperform, die den Standard-Modepuppen entspricht. Jedenfalls folgen ihr Zwerg-Elefanten mit Schmetterlingsflügeln. Gibson verwendet auch andere Elemente Dalis wie etwa den niedrigen Horizont oder die karge Landschaft.
„Nieder mit der Kunst! Es lebe die Technologie!“2
Die Konstruktivisten waren der Ansicht, dass die Menschheit zweitrangig nach der Technologie sei und logischerweise findet dieser Zweig der Illustration bevorzugt in einer digitalen Umgebung seinen Ausdruck. Ingrid Baars’ Bilder verkörpern aufgepeitschte Energie und lösen sich in verflüssigten Formen auf. In ähnlicher Weise werden die Figuren von Shiv in unsere Wahrnehmung ein- und wieder ausgeblendet, wobei sie sich auf mehreren Realitätsebenen befinden. Sie sind an eine Umgebung gebunden und erkämpfen sich eine vorübergehende Existenz. In den Arbeiten von Redouane Oumahi basieren die Körper auf Linien, einfache Umrisse werden in einem Mattisse-trifft-Calder-Stil montiert.
Dasselbe - nur anders
Erstaunlicherweise haben diese divergenten, digitalen und analogen Ansätze der Illustration eine Gemeinsamkeit. Ein pluralistischer Standpunkt schreit nicht gerade nach einfachen und kompakten Definitionen. Nach gegenwärtigen Maßstäben sind sie diametrale Gegensätze – einer legt den Schwerpunkt auf die Rolle der menschlichen Hand, ein anderer betont ihre Abwesenheit - sowohl wörtlich wie auch metaphorisch. Sie sind Synoglyphe unserer visuellen Kultur, unterschiedliche Zeichen, die aber das gleiche Bezeichnen. Im Kern feiern beide Richtungen der Illustration – egal, ob sie von einer Hand oder durch technologische Mittel hervorgebracht wurden – die Essenz und die Präsenz des Menschlichen in unserer visuellen Kultur, allerdings von gegenüberliegenden Punkten ausgehend. Die marginalisierte Illustration erweitert ihre Bandbreite durch unterschiedliche Aspekte und hat daher zunehmend die Freiheit, durch diese unbekannte, graue Zone zu diffundieren, über eine in den Sand gezogene Linie fließen, die Illustration von Bildender Kunst trennt. Die Erweiterung der Definition hilft dem Ansehen des Berufsstandes und der Blüte visueller Kultur.
Anmmerkungen
1. Demsey, Amy. “Styles, Schools and Movements.” S.153 Thames & Hudson Ltd. London. 2002
2. Demsey, Amy. “Styles, Schools and Movements.” S.108 Thames & Hudson Ltd. London. 2002
Colleen Schindler-Lynch erwarb 1990 einen Bacchelor-Abschluss der Künste an der Univestität Windsor, 1993 einen Abschluss in Künstlerischer Drucktechnik an der Lousiana State University. Gegenwärtig lehrt sie Illustration und Accessoire-Design im Fachbereich Communication and Design der Ryerson University in Toronto. 2007 stellte sie ihre laufende Forschungsarbeit mit dem Titel „Sex und Gewalt in der Illustration“ auf der Konferenz der IFFTI (International Foundation of Fashion Technology Institutes) vor. In ihrer kommenden Arbeit wird sie sich mit dem Gebrauch von Technik als Medium oder Werkzeug ihrer Suche nach dem Menschlichen in unserer Visuellen Kultur auseinandersetzten. Außerdem ist sie eine preisgekrönte Schmuck-Designerin.
























